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Dieses Kapitel
gehört den
Menschen, die
Burn-Out erlebt
haben, die wissen,
was es bedeutet,
wenn das Leben nicht
mehr weitergeht,
wenn der Körper
nicht mehr gehorcht,
wenn das Leben wie
eine grosse schwarze
Wand vor einem steht
und die Angst schier
unüberwindlich
scheint. Von dem
Mann, der seine
Wohnung anzündete,
dem Projektleiter,
der in einer Sitzung
vom Stuhl fiel, von
dem Kollegen, der in
einem anderen
Meeting mit seiner
Stirn auf den Tisch
hämmerte, bevor er
schreiend aus dem
Raum lief oder der
jungen Frau, die bis
zu ihrem 54.
Geburtstag bereits 3
Schlaganfälle hinter
sich hatte sowie
viele weitere
Erfahrungen.
Allen gemeinsam ist,
das sie einfach
nicht mehr konnten,
dass Stress und
Überdruss zum
Dauerbrenner wurden,
das sie physisch und
emotional erschöpft
waren.
Wie in letzter Zeit
sehr oft, wachte ich
mitten in der Nacht
auf. Meine „Fälle“
hatten mich mal
wieder eingeholt und
geweckt.
Bei permanenten 60
Stunden-Wochen, die
auch noch unter sehr
großem Druck
stattfinden, kommen
sie dann in der
Nacht, die schwarzen
Stunden. Die
Gedanken sind dann
irreal und nicht
steuerbar. Sie
verselbständigen
sich. Die aus
Zeitdruck
notwendigen
schnellen
Entscheidungen holen
mich dann ein, wenn
ich zur Ruhe komme.
Ich schlafe vor
Erschöpfung ein und
wache dann auf, wenn
mein
Unterbewusstsein
meine „Fälle“
hochspült.
Es sind diese
zermürbenden Fragen:
- habe ich beim
Abteilungsleitervertrag
wirklich an Alles
gedacht?
- habe ich bei
Entscheidungen alle
notwendigen Faktoren
berücksichtigt?
- habe ich
maßgebliche
Informationen an die
entsprechenden
Stellen
weitergegeben?
- habe ich Fragen
unter Zeitdruck zu
unüberlegt
beantwortet?
Das geht soweit,
dass ich mitten in
der Nacht ins Büro
fahren möchte, um
unverzüglich die
mich quälenden
Fragen vor Ort zu
klären. Ich baue
gedanklich
Fehlerquellen auf,
die eigentlich
völlig unrealistisch
sind. Ich entwickle
fiktive Szenarien,
die bei „Fehlern“
Wirklichkeit werden
könnten. Panik
überfällt mich und
ich kann nichts
dagegen tun. Ich
entwickle Plan A,
Plan B usw. für
mögliche
Katastrophenfälle.
Dabei verschwende
ich für die zu 99%
unrealistischen
„Katastrophen“ eine
unheimliche Energie,
die mir dann
natürlich tagsüber
fehlt.
Ich suchte Hilfe bei
Tai Chi, Yoga,
Autogenem Training
usw. Nichts half
wirklich. Immer
wieder drangen meine
„Fälle“ zu meinen
Gedanken durch und
verseuchten mein
Leben.
Ein Wellnessurlaub
fand wie folgt
statt:
1.-3. Tag:
Erschöpfungszustand
und dadurch „mir
alles egal-Gefühl“
4.-6. Tag: tägliche
Anrufe im Büro,
damit Kollegen und
Mitarbeiter
dringende
Tätigkeiten, die mir
in der Sauna
eingefallen waren,
erledigten bzw.
überprüften.
Mein Verhältnis zu
meinem Beruf und zu
meinen Aufgaben hat
das natürliche und
gesunde Maß längst
überschritten. Alles
wird durch diese
Besessenheit,
wirklich alles zu
100% richtig machen
zu müssen,
beherrscht. Früher,
als noch die
Möglichkeit bestand,
Tätigkeiten
innerhalb einer
angemessenen Zeit
durchführen zu
können, war diese
Einstellung sicher
richtig. Heute
werden wir von der
Geschwindigkeit der
Abläufe und
Anforderungen
überrollt. Pech für
den, der immer noch
alles zu 100%
richtig machen
möchte.
[Desiré K., 45
Jahre,
Personalreferentin
bei einer
norddeutschen
Versicherung]
Am Boden, zerstört
Die Angst zieht von
unten den Rücken
herauf, wie Kälte
unter eine Jacke,
kriecht hinauf zu
den Schulterblättern
und setzt sich in
den Nacken. Beim
ersten Mal hatte ich
sie für Wut
gehalten, was gut
war, weil ich sie da
noch abschütteln
konnte, rauslaufen,
rausstreiten, aber
diesmal lag ich im
Bett. Die Angst
drückte auf meine
Brust und würgte
mich, und ich musste
mich aufsetzen, um
wieder etwas Luft zu
bekommen. Aber das
reichte nicht. Ich
begann zu hecheln.
Ich konnte nicht
mehr einatmen. Etwas
schnürte meine Brust
ein, bis die Lunge
sich anfühlte, als
wäre sie versteinert
– kalt und hart und
tot. Meine Unterarme
begannen zu
kribbeln, und ich
konnte meine Hände
nicht mehr fühlen.
Sie waren gelähmt,
wie eingeschlafen.
Mir war unendlich
kalt. In diesem
Moment hätte ich
viel dafür gegeben,
nur damit es
aufhört, damit dass
hier aufhört, was
immer es war. Einen
Augenblick lang
überlegte ich, mich
aus dem Fenster zu
stürzen – nur um
nicht mehr zu
fühlen, was ich
fühlte. Alles musste
besser sein als das.
Es war ein langer
Augenblick, und
irgendeine Ecke
meines Gehirns blieb
klar genug, mich
selbst zu beobachten
und zu sehen, wie
armselig ich da
kauerte, wie absurd
und elend das alles
war und wie
losgelöst von mir
und all dem, was ich
für mich selbst
hielt. Das Nächste,
woran ich mich
erinnerte, ist, dass
ich zusammengerollt
auf dem Boden lag,
unter meiner
Bettdecker, mich am
Boden festhielt.
Das war meine erste
vollwertige
Panikattacke. Sie
war weder der Anfang
noch der Höhepunkt
meines Lebens. Sie
war nur eine ganz
normale
Panikattacke, eine
von vielen, und nur
aus zwei Gründen
bemerkenswert: sie
war die Hölle und
sie hat mir gezeigt,
dass etwas ernsthaft
nicht in Ordnung
ist.
[Aus der Zeitschrift
„Neon“, August 2008,
Michaelis
Pantalouris]
Vom Mann, der seine
Wohnung anzündete
Ich kannte ihn
persönlich sehr gut,
wir hatten fast
eineinhalb Jahre in
einer Abteilung
zusammengearbeitet,
er war dort
IT-Administrator. Am
Anfang fiel mir
seine barsche Art
auf, sein Sarkasmus
und seine Ironie. Er
verstand das als
bajuwarischen Humor.
Er war peinlichst
auf feste Zeiten
bedacht, das
Mittagessen musste
Punkt 13 Uhr
eingenommen werden,
wenn einer aus der
Abteilung nicht
mitkam, wurde er
grantelig.
Er hörte zu rauchen
auf, fing wieder an
und zum Ende des
Jahres war er
deutlich gestresst.
Ich wunderte mich
schon, wie er die
vielen Aufgaben, die
er annahm,
bewältigen wollte,
bis ich verstand: Er
konnte einfach nicht
NEIN sagen.
Wenn ich nun mit ihm
sprach, war er
deutlich aggressiv,
er schimpfte über
die Kollegen, die
ihn nicht
unterstützen würden,
er liess sich nicht
beruhigen. Kurz vor
Weihnachten
eskalierte die
Situation, als er
dem Gruppenleiter
Prügel androhte.
Ein Abteilungsleiter
kam auf mich zu, bat
mich, ein Telefonat
zu führen, um die
Situation zu
bereinigen, was ich
auch umgehend tat.
Er war mittlerweile
krank geschrieben,
begann das Gespräch
mit den Worten „Was
willst Du?“, es gäbe
nichts zu
besprechen, er würde
sich jetzt
selbständig machen
und alle könnten ihn
mal.
Am nächsten Morgen
schlug ich die
Zeitung auf und
wusste sofort, das
er es war:
47-jähriger zündete
seine Wohnung an. An
mehreren Stellen
hatte der Mann Feuer
gelegt. Nur ein
glücklicher Zufall
verhinderte
Schlimmeres. Als die
Feuerwehr eintraf,
stand er auf dem
Balkon und rauchte
in aller Ruhe eine
Zigarette. Er wurde
in die
psychiatrische
Klinik eingewiesen.
[47-jähriger Mann
aus Bayern]
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