Heilpraktikerin Kerstin Meyer
 
Forum Nervenstress

Erfahrungsberichte von Betroffenen

 

 

Dieses Kapitel gehört  den Menschen, die Burn-Out erlebt haben, die wissen, was es bedeutet, wenn das Leben nicht mehr weitergeht, wenn der Körper nicht mehr gehorcht, wenn das Leben wie eine grosse schwarze Wand vor einem steht und die Angst schier unüberwindlich scheint. Von dem Mann, der seine Wohnung anzündete, dem Projektleiter, der in einer Sitzung vom Stuhl fiel, von dem Kollegen, der in einem anderen Meeting mit seiner Stirn auf den Tisch hämmerte, bevor er schreiend aus dem Raum lief oder der jungen Frau, die bis zu ihrem 54. Geburtstag bereits 3 Schlaganfälle hinter sich hatte sowie viele weitere Erfahrungen.

Allen gemeinsam ist, das sie einfach nicht mehr konnten, dass Stress und Überdruss zum Dauerbrenner wurden, das sie physisch und emotional erschöpft waren.

 

Wie in letzter Zeit sehr oft, wachte ich mitten in der Nacht auf. Meine „Fälle“ hatten mich mal wieder eingeholt und geweckt.

Bei permanenten 60 Stunden-Wochen, die auch noch unter sehr großem Druck stattfinden, kommen sie dann in der Nacht, die schwarzen Stunden. Die Gedanken sind dann irreal und nicht steuerbar. Sie verselbständigen sich. Die aus Zeitdruck notwendigen schnellen Entscheidungen holen mich dann ein, wenn ich zur Ruhe komme. Ich schlafe vor Erschöpfung ein und wache dann auf, wenn mein Unterbewusstsein meine „Fälle“ hochspült.

Es sind diese zermürbenden Fragen:

- habe ich beim Abteilungsleitervertrag wirklich an Alles gedacht?
- habe ich bei Entscheidungen alle notwendigen Faktoren berücksichtigt?
- habe ich maßgebliche Informationen an die entsprechenden Stellen weitergegeben?
- habe ich Fragen unter Zeitdruck zu unüberlegt beantwortet?

Das geht soweit, dass ich mitten in der Nacht ins Büro fahren möchte, um unverzüglich die mich quälenden Fragen vor Ort zu klären. Ich baue gedanklich Fehlerquellen auf, die eigentlich völlig unrealistisch sind. Ich entwickle fiktive Szenarien, die bei „Fehlern“ Wirklichkeit werden könnten. Panik überfällt mich und ich kann nichts dagegen tun. Ich entwickle Plan A, Plan B usw. für mögliche Katastrophenfälle. Dabei verschwende ich für die zu 99% unrealistischen „Katastrophen“ eine unheimliche Energie, die mir dann natürlich tagsüber fehlt.

Ich suchte Hilfe bei Tai Chi, Yoga, Autogenem Training usw. Nichts half wirklich. Immer wieder drangen meine „Fälle“ zu meinen Gedanken durch und verseuchten mein Leben.

Ein Wellnessurlaub fand wie folgt statt:

1.-3. Tag:  Erschöpfungszustand und dadurch „mir alles egal-Gefühl“

4.-6. Tag: tägliche Anrufe im Büro, damit Kollegen und Mitarbeiter dringende Tätigkeiten, die mir in der Sauna eingefallen waren, erledigten bzw. überprüften.

Mein Verhältnis zu meinem Beruf und zu meinen Aufgaben hat das natürliche und gesunde Maß längst überschritten. Alles wird durch diese Besessenheit, wirklich alles zu 100% richtig machen zu müssen, beherrscht. Früher, als noch die Möglichkeit bestand, Tätigkeiten innerhalb einer angemessenen Zeit durchführen zu können, war diese Einstellung sicher richtig. Heute werden wir von der Geschwindigkeit der Abläufe und Anforderungen überrollt. Pech für den, der immer noch alles zu 100% richtig machen möchte.

[Desiré K., 45 Jahre, Personalreferentin bei einer norddeutschen Versicherung]

 

Am Boden, zerstört

Die Angst zieht von unten den Rücken herauf, wie Kälte unter eine Jacke, kriecht hinauf zu den Schulterblättern und setzt sich in den Nacken. Beim ersten Mal hatte ich sie für Wut gehalten, was gut war, weil ich sie da noch abschütteln konnte, rauslaufen, rausstreiten, aber diesmal lag ich im Bett. Die Angst drückte auf meine Brust und würgte mich, und ich musste mich aufsetzen, um wieder etwas Luft zu bekommen. Aber das reichte nicht. Ich begann zu hecheln. Ich konnte nicht mehr einatmen. Etwas schnürte meine Brust ein, bis die Lunge sich anfühlte, als wäre sie versteinert – kalt und hart und tot. Meine Unterarme begannen zu kribbeln, und ich konnte meine Hände nicht mehr fühlen. Sie waren gelähmt, wie eingeschlafen. Mir war unendlich kalt. In diesem Moment hätte ich viel dafür gegeben, nur damit es aufhört, damit dass hier aufhört, was immer es war. Einen Augenblick lang überlegte ich, mich aus dem Fenster zu stürzen – nur um nicht mehr zu fühlen, was ich fühlte. Alles musste besser sein als das. Es war ein langer Augenblick, und irgendeine Ecke meines Gehirns blieb klar genug, mich selbst zu beobachten und zu sehen, wie armselig ich da kauerte, wie absurd und elend das alles war und wie losgelöst von mir und all dem, was ich für mich selbst hielt. Das Nächste, woran ich mich erinnerte, ist, dass ich zusammengerollt auf dem Boden lag, unter meiner Bettdecker, mich am Boden festhielt.

Das war meine erste vollwertige Panikattacke. Sie war weder der Anfang noch der Höhepunkt meines Lebens. Sie war nur eine ganz normale Panikattacke, eine von vielen, und nur aus zwei Gründen bemerkenswert: sie war die Hölle und sie hat mir gezeigt, dass etwas ernsthaft nicht in Ordnung ist.

[Aus der Zeitschrift „Neon“, August 2008, Michaelis Pantalouris]

 

Vom Mann, der seine Wohnung anzündete

Ich kannte ihn persönlich sehr gut, wir hatten fast eineinhalb Jahre in einer Abteilung zusammengearbeitet, er war dort IT-Administrator. Am Anfang fiel mir seine barsche Art auf, sein Sarkasmus und seine Ironie. Er verstand das als bajuwarischen Humor. Er war peinlichst auf feste Zeiten bedacht, das Mittagessen musste Punkt 13 Uhr eingenommen werden, wenn einer aus der Abteilung nicht mitkam, wurde er grantelig.

Er hörte zu rauchen auf, fing wieder an und zum Ende des Jahres war er deutlich gestresst. Ich wunderte mich schon, wie er die vielen Aufgaben, die er annahm, bewältigen wollte, bis ich verstand: Er konnte einfach nicht NEIN sagen.

Wenn ich nun mit ihm sprach, war er deutlich aggressiv, er schimpfte über die Kollegen, die ihn nicht unterstützen würden, er liess sich nicht beruhigen. Kurz vor Weihnachten eskalierte die Situation, als er dem Gruppenleiter Prügel androhte.

Ein Abteilungsleiter kam auf mich zu, bat mich, ein Telefonat zu führen, um die Situation zu bereinigen, was ich auch umgehend tat. Er war mittlerweile krank geschrieben, begann das Gespräch mit den Worten „Was willst Du?“, es gäbe nichts zu besprechen, er würde sich jetzt selbständig machen und alle könnten ihn mal.

Am nächsten Morgen schlug ich die Zeitung auf und wusste sofort, das er es war: 47-jähriger zündete seine Wohnung an. An mehreren Stellen hatte der Mann Feuer gelegt. Nur ein glücklicher Zufall verhinderte Schlimmeres. Als die Feuerwehr eintraf, stand er auf dem Balkon und rauchte in aller Ruhe eine Zigarette. Er wurde in die psychiatrische Klinik eingewiesen.

[47-jähriger Mann aus Bayern]

 

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